Redebeiträge 2015

AK MoB

Hallo,

wir begrüßen Euch zur dritten „behindert und verrückt feiern“ Pride Parade!
In unserem Aufruf für dieses Jahr steht unter anderem: Wir sind gegen „Inklusions-Fallerifallera“. Was meinen wir damit? Wir meinen: In der Politik wird zwar gern und viel über „Inklusion“ gesprochen, aber kaum etwas getan. Eigentlich heißt Inklusion: die Gesellschaft wird so verändert, dass alle Menschen überall in gleichem Maße teilhaben und mitmachen können. So steht es in der UN-Behindertenrechtskonvention, die auch in Deutschland gilt. Aber es passiert nichts. Man muss nicht einmal sehr kritisch sein, um das zu erkennen. Es genügt schon ein wenig Abstand. Im April hat ein Ausschuss der Vereinten Nationen sich angeschaut, wie die Konvention in Deutschland umgesetzt wird. Und er hat viel Kritik. Der Ausschuss nennt mehrere Punkte:

  • Viele behinderte MigrantInnen haben nicht den gleichen Zugang zu öffentlicher Unterstützung. Asylsuchende mit Behinderung werden von Gesundheitsleistungen ausgeschlossen.
  • Eine große Zahl behinderter Menschen muss in Heimen leben. Ihnen wird verweigert, selbstbestimmt zu Hause zu leben. Sie bekommen z.B. nicht das Geld für Persönliche Assistenz.
  • Viele behinderte Kinder und Jugendliche müssen Förderschulen besuchen, getrennt von nichtbehinderten Kindern und Jugendlichen. Der UN-Ausschuss fordert Deutschland auf, dass alle Schulen inklusiv werden müssen und Förderschulen abgebaut werden.
  • Noch ein Punkt: Für viele behinderte Menschen gibt es gibt keinen angemessenen Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt. Vielen bleibt nur die Behindertenwerkstatt. Die sollen ihre Beschäftigten eigentlich auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vermitteln. Das machen sie aber kaum. Stattdessen wirbt eine große Berliner Werkstatt für eine „Karriere“ bei ihr. Dabei verdienen Menschen, die Vollzeit in Behindertenwerkstätten arbeiten, im Durchschnitt gerade einmal 180 Euro im Monat. Wir fügen hinzu: Die Beschäftigten haben zurzeit nicht einmal die Rechte von Arbeitnehmerinnen. Sie dürfen z.B. nicht streiken. Wir nennen das Ausbeutung!
  • Und es kommt noch „besser“: Wer nicht unter diesen Bedingungen arbeiten sondern die Zeit mit anderen Dingen verbringen will, bekommt von den Sozialämtern dafür oft nicht die benötigte Unterstützung. Es bleibt dann also nur die Wahl, in der Werkstatt zu arbeiten oder ohne Unterstützung zu Hause zu bleiben.
    Das und noch einiges andere kritisiert der UN-Ausschuss an Deutschland. Wir könnten all dem noch viel hinzufügen.
  • Die Bundesregierung kündigt seit langem ein „Bundesteilhabegesetz“ an. Im nächsten Satz sagt sie aber immer, dass es nicht mehr kosten darf, als das, was heute „Eingliederungshilfe“ heißt. Das ist aber oft viel zu wenig. Zusätzlich wollen die sogenannte „Behindertenhilfe“ und die Wohlfahrtsverbände, dass ihre Einrichtungen so bleiben, wie sie sind. „Inklusion“ soll es nur als Sahnehäubchen oben drauf geben. So kann es kein Teilhabegesetz geben, dass den Namen verdient! Für uns muss ein Teilhabegesetz mindestens ein paar Bedingungen erfüllen:
    • Wer Persönliche Assistenz und Unterstützung braucht, muss sie bekommen. Niemand darf zum Leben im Heim oder einer WG gezwungen werden.
    • Taube und hörbehinderte Menschen müssen genügend Übersetzungshilfen bekommen, um ihre Freizeit bequem auch mit Hörenden zu verbringen oder um mit ihnen politisch zusammenzuarbeiten.
    • Wer arbeiten möchte, soll das zu fairen Bedingungen tun können. Wer nicht arbeiten will, muss Unterstützung bei dem bekommen, womit sie_er ihre_seine Zeit verbringen will
  • Es gibt immer noch viel zu wenig barrierefreie Literatur für blinde Menschen. Dabei müsste ein internationaler Vertrag, der das ändern soll, nur noch unterschrieben und umgesetzt werden.
  • Schauen wir zum Schluss mal woanders hin: Es gibt zurzeit jeden Tag neue Meldungen über die Situation in Griechenland. Wir wissen: Dort müssen viele behinderte Menschen und ihre Angehörigen ausgegrenzt und in Armut leben. Grund dafür ist die Weltwirtschaftskrise, verursacht durch eine kapitalistische Ökonomie. Grund dafür ist aber auch die Politik Deutschlands und anderer EU-Staaten, die Griechenland Sozialkürzungen aufzwingt.

Deshalb müssen wir weiter denken: In Deutschland wird es bald vermutlich ein Teilhabegesetz geben. Aber wir möchten mehr! Es ist wichtig, dass die Menschen mitreden können, wenn sie von Gesetzen betroffen sind. Die Behindertenbewegung hat das früh erkannt und gesagt: Nichts über uns, ohne uns! Wir möchten weiter dafür kämpfen, dass alle Menschen ihre Angelegenheiten wirklich demokratisch und an ihren Bedürfnissen orientiert regeln können. Nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft. Das ist ein sehr großes und fernes Ziel, das sich nicht in kurzer Zeit erreichen lässt. Aber wir finden trotzdem: Es lohnt sich, über konkrete Schritte nachzudenken, die in diese Richtung führen. Und wenn wir uns in diese Richtung bewegen, dann kann uns niemand mehr ein Fallerifallera für Inklusion verkaufen.

Ihr fragt euch vielleicht: Gibt es denn nichts zu feiern? Doch, es gibt was zu feiern. Die Pride Parade feiert die Emanzipation von behinderten und verrückten Menschen. Sie feiert ihren Widerstand. Sie feiert ihre Etappensiege. Und sie feiert die produktive Unruhe, die wir schon allein dadurch stiften, dass es uns gibt. Wir freuen uns, dass ihr heute alle hier seid. Und wir freuen uns, mir euch zusammen laut zu sein, zu tanzen und zu fordern, was wir brauchen.

 

Paula Franz

Diese Gesellschaft macht krank. Dieser Satz wird oft gesagt. Und er trifft zu, weil wir im Kapitalismus leben. Der Zwang, funktionieren zu müssen, gilt für alle. Nicht nur für alle, die unter schlechten Bedingungen arbeiten müssen. Er gilt auch für die Menschen, die längst aussortiert wurden, weil sie den Anforderungen dieses Systems nicht entsprechen. Aber gleichzeitig greift der Satz zu kurz. Denn in dieser Gesellschaft gilt ein Prinzip: Wer nicht in die herrschende Norm passt, wird ausgegrenzt. Diese Norm entscheidet auch darüber, wer als „krank“ zu bezeichnen ist. In diesem System sind Diskriminierungen und Benachteiligungen Alltag. Wie zum Beispiel Sexismus und Rassismus. Zum Beispiel werden Frauen öfter als psychisch krank angesehen. Dieses System sagt, dass es nur zwei Geschlechter gibt und dass man sich als „Mann“ oder „Frau“ definieren muss. Und dieses System gibt People of Color Diagnosen, nach denen man als besonders gefährlich gilt. Gleichzeitig sind Krisen der Ausdruck der Verhältnisse in einem System, in dem zu viele Menschen gewaltvolle Erfahrungen machen.

Die Psychiatrie ist eine tragende Institution in diesem System. Die Psychiatrie soll ihrem eigenen Anspruch nach ein Schutzraum für Menschen sein, die eine psychische Krise durchleben. Sie soll dabei helfen, dass Menschen zur Ruhe kommen, sich sortieren und einen neuen Weg finden. Doch all dies lösen die real existierenden psychiatrischen Stationen in Krankenhäusern nicht ein. Im Gegenteil. Bereits im Aufnahmegespräch mit einem Arzt wird schnell klar, worauf sich der Klinikaufenthalt reduziert: auf eine sogenannte medikamentöse Therapie. Das bedeutet, dass Psychopharmaka die Grundlage der Behandlung in der Psychiatrie bilden. Wer sie nicht freiwillig nimmt, bekommt sie oftmals mit Zwang verabreicht. Diese Medikamente haben starke Nebenwirkungen. Die Patient*innen sind müde, fühlen sich benebelt und können vieles nicht mehr machen. Und während nun einige sich wie Roboter fühlen, wenn sie den Gang der Station auf- und ablaufen, werden andere fixiert. Sie sollen ruhig bleiben, sich nicht aufregen und bitteschön nicht laut werden. Ansonsten setzt es ganz schnell eine Spritze, oder man wird gar in die Geschlossene verlegt.

Es herrscht somit ein Machtgefälle in der Klinik. Die Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger entscheiden darüber, was zu tun ist und greifen somit in das Leben der Patient*innen ein. Der behandelnde Arzt gibt dem oder der Betroffenen eine psychiatrische Diagnose. Eine Diagnose ist oft wie ein Stempel. Die Patient*innen in der Psychiatrie sollen lernen, dass sie krank sind und diese sogenannte Krankheit akzeptieren. Die eigenen Lebensverhältnisse und Konflikte werden damit biologisiert. Nach dem Motto: Dein Körper produziert deine Verrücktheit – dein Körper muss behandelt werden. Mögliche Gewalterfahrungen, die die Betroffenen in ihrem Leben gemacht haben, werden in diesem System pathologisiert. In unserer Gesellschaft werden immer mehr Erfahrungen und immer auch wieder neue als „Krankheit“ bezeichnet. Die Psychiatrie setzt diese Norm mit ihrer Macht und mit Gewalt durch. Sie sperrt Menschen weg und isoliert sie.

Während sich seit der UN-Behindertenkonvention viele „Inklusion“ auf die Fahnen schreiben, sitzen Menschen in der Psychiatrie. Sie sind abgeschirmt von der Außenwelt. Wer nicht freiwillig bleiben möchte, wird oft gezwungen zu bleiben. Das wird Zwangsunterbringung genannt. Und die Zahl der unfreiwilligen Einweisungen in Deutschland nimmt zu. Während im Jahr 2000 rund 92.000 Menschen zwangsweise in die Psychiatrie mussten, waren es 2011 bereits 135.000. Die Gefahr, in der Psychiatrie Gewalt zu erleben, ist hoch, wenn man per Zwang dort untergebracht ist. Mit Zwang in die Psychiatrie eingewiesen zu werden, ist auch Gewalt. Entlassen werden nur Menschen, die sich der Meinung der Ärzte unterworfen haben.

Auf all das haben wir keine Lust, und wir kämpfen dagegen! Als Betroffene von psychiatrischer Gewalt wollen wir uns durchaus irgendwann wieder zurecht finden können. Das bedeutet aber nicht, dass wir nur leistungsfähig sein wollen für die Arbeit, die wir im Kapitalismus immer für andere erledigen sollen. Wir wollen selbst entscheiden, ob und von wem wir Unterstützung bekommen. Wir wollen selbst darüber entscheiden, ob wir leiden oder nicht. Wir haben keinen Bock auf stigmatisierende Diagnosen. Wir haben vielleicht Erfahrungen gemacht, die aufgearbeitet werden müssen – in Gesprächen und mit Zeit. Das bedeutet auch im Hinblick auf die Pride Parade, dass wir selbst entscheiden wollen, ob wir feiern oder nicht. Es geht für uns dabei nicht um das Vergessen schmerzhafter Erfahrungen, sondern darum, trotzig zu sein und uns nicht zu verstecken mit unseren Erfahrungen. Wir dürfen so sein, wie wir sind, und wir erobern uns die Straße!

 

Gen-ethisches Netzwerk

Hallo allerseits.

Wie toll, dass wir wieder so viele sind! Denn es kann gar nicht genug Leute geben, die auf die Straße gehen und zeigen, dass sie, so wie sie sind, gut sind.
Dass die Norm, das angeblich „Normale“, mit dem wirklichen Leben nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Dass die Unterscheidung in „Normal“ und „Verrückt“ oder in „Normal“ und „Behindert“ eine ausgedachte ist. Sie hilft nur denen, die zur Abweichung erklären, wovor sie Angst haben. Deshalb ermöglicht die Vorstellung vom „Normalen“ auch, dass diese tolle Leistungs- und Verwertungsgesellschaft immer weiter funktioniert - gegen jede Vernunft.
Dagegen zeigen wir heute, dass es nichts über uns aussagt, ob wir als behindert oder nicht-behindert, krank oder gesund, verrückt oder nicht verrückt gelten. Wir sind keine Diagnosen! Wir sind auch nicht die medizinischen Bezeichnungen, die uns beschreiben sollen. Uns macht aus, wie wir miteinander sind, wie es uns gerade geht, was wir erleben, welchen Verhältnissen wir ausgesetzt sind. Dass wir Fehler machen und gute Sachen, dass wir uns irren und Recht haben, dass wir nie fertig werden – dass wir veränderliche Menschen sind, und dabei immer einzigartig.
Deshalb lassen wir uns - wenn überhaupt - auch nur messen an unserer Fähigkeit zu Solidarität, zum Miteinander, zu Gefühlen, zu Aufmerksamkeit füreinander. Manchmal mögen uns diese Fähigkeiten abhanden kommen, denn diese Gesellschaft macht das Miteinander schwer. Aber auch das rechtfertigt Abwertung nicht.
Ausgrenzung, Abschiebung oder das Wegschließen sind kein Miteinander, sie verhindern es!
Eine Bewertung von Menschen und ihren Zuständen, ihren Lebensformen oder ihren Fähigkeiten macht niemals und nirgends Sinn!
Viel zu viele sehen das nicht. Immer noch ist die Definitionsmacht der Medizin kaum gebrochen. Dafür gibt es viele Gründe. Ein Grund, auf den wir vom Gen-ethischen Netzwerk immer wieder stoßen, ist die Art der Forschung im Kapitalismus: Sie verfeinert und erweitert das medizinische und das psychiatrische Diagnosesystem ständig. Seit es sie gibt, erklärt die medizinische Forschung immer mehr Zustände zur Abweichung. Dein Kind ist fünf und zappelt, wenns am Tisch sitzt? ADHS, ADHS! Du trinkst zweimal pro Woche Bier? Suchterkrankung, Suchterkrankung! Du hast keine Lust aufzustehen, um bei deinem schlecht bezahlten, prekären 10 Stunden-Job anzutanzen? Depression, Depression!

Seit einigen Jahrzehnten erweitert die Medizin dieses ausufernde Diagnose-System noch in eine andere Richtung: in die Zukunft. Die Genomforschung sucht nach Zusammenhängen zwischen biologischen Eigenschaften und Gesundheit, Verhalten oder „Unfähigkeiten“. Dabei geht nicht mehr nur um bestehende Zustände von Menschen, nein, es geht auch um möglicherweise eintretende, zukünftige. Versprochen wird, in der Zukunft auftretende Abweichungen vom „Normalen“ vorherzusagen.
Damit macht die Medizin sich einmal mehr die Angst vor Leistungsabfall, vor einem Nicht-Funktionieren, vor Abhängigkeit von anderen zunutze, die diese Gesellschaft beherrscht. Und verstärkt sie zugleich. Denn mit der Vorhersage von „Risiken“ ist das Versprechen verbunden, sie auch vermeiden zu können – durch die „richtige“ Lebensweise, „rechtzeitige“ Untersuchungen oder andere dubiose Vermeidungsstrategien, pardon, Vorbeugungsstrategien.
Wem nutzt das Versprechen, die Zukunft zu kontrollieren? Auf jeden Fall den Menschen, die im Medizinsystem in Forschungsprojekten arbeiten und Unikarrieren machen. Oder die Unternehmen gründen, um diagnostische Tests zu entwickeln und zu verkaufen.

Es nutzt der kapitalistischen Wirtschaft, und darauf zielt die Politik der Bundesregierung seit Jahren. Die Forschung an der Genetik wird mit großen Summen öffentlicher Gelder gefördert, mit nur einem erklärten Ziel: Wirtschaftswachstum.
Aber wir brauchen keine Vorhersagen über unsere vermeintliche Zukunft. Wir brauchen auch nicht noch mehr Diagnosen und medizinische Bezeichnungen. Was wir brauchen, ist eine andere Gesellschaft! Eine Gesellschaft, in der wir nicht ständig aufgefordert sind, unseren Wert unter Beweis zu stellen, unseren Nutzen, unseren Willen zur „Normalität“. Eine Gesellschaft, in der wir einfach sein können, gleich in unserer Einzigartigkeit, verschieden in unserem Befinden.
Für eine solche Gesellschaft lasst uns nie aufhören zu kämpfen, gemeinsam und allein, in den angeblich großen wie in den angeblich kleinen Dingen! Und lasst uns feiern, immer wieder, behindert und normalgestört, nicht behindert und verrückt, eigensinnig und solidarisch!

 

Les Migras

Redebeitrag von LesMigraS für behindert und verrückt feiern Pride Parade
Im Aufruf zur behindert und verrückt feiern Pride Parade heißt es: „Nur wenn wir uns unsere Rechte nehmen, können wir über unsere Leben verfügen. Deshalb: Trau dich zu fordern, was du brauchst! Zeig dich mit deinen Sehnsüchten, deiner Trauer, deinem Begehren, deiner Freude, deiner Verzweiflung, deiner Lust, deinen Ängsten!“
Die Forderungen von Geflüchteten werden selten gehört. Es gibt kaum Orte, wo Platz für ihre Trauer, ihre Freude, ihre Verzweiflung und ihre Bedürfnisse ist.

In unserer Arbeit erzählen uns geflüchtete Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans* (kurz: LSBT) von der starken Belastung, mit der sie kämpfen. Sie berichten von ihren Gewalterfahrungen im Herkunftsland und auf der Flucht, von den Benachteiligungen, Diskriminierungen und gewaltvollen Erfahrungen hier in Deutschland, von undurchschaubaren Systemen, feindlichen Umgebungen und fehlender Unterstützung. Die fehlende Unterstützung zeigt sich zum Beispiel in darin, dass Mitarbeiter_innen in den Unterkünften, wo viele Geflüchtete wohnen müssen, und in den Behörden nicht sensibel sind. Geflüchtete müssen lange, über 6 Monate, auf psychologische Unterstützung warten. Es ist sehr aufwändig Therapie zu beantragen. Es gibt wenige psychologische Angebote in der eigenen Sprache. Dolmetschung ist teuer und häufig, besonders im Bereich von LSBT, von Vorurteilen geprägt.

Im Rahmen der Demonstration fordern wir: Barrieren müssen abgebaut werden. Wir kritisieren behindernde Strukturen. Barrieren sehen für verschiedene Menschen unterschiedlich aus. Geflüchtete LSBT erleben oft viele Barrieren, die verhindern oder erschweren selbstbestimmt zu leben. Geflüchtete LSBT werden mehrfach diskriminiert, sie erleben Homophobie und/oder Trans*diskriminierung und/oder Sexismus, sie erleben Rassismus. Manche von ihnen werden aufgrund ihrer psychischen Belastung benachteiligt. Wir fordern also, Barrieren für geflüchtete LSBT zu beseitigen.

Manche Geflüchtete gelten als besonders schutzbedürftig. Zu dieser Gruppe werden alleinerziehende Mütter, Behinderte, chronisch Kranke und stark Traumatisierte gezählt. Wer zu dieser Gruppe zählt, erhält mehr Unterstützung: bessere Unterkünfte, mehr Chancen auf ein Einzelzimmer oder eine eigene Wohnung, bessere medizinische und psychologische Versorgung. Bislang werden LSBT Geflüchtete nicht als besonders schutzbedürftig anerkannt. Eigentlich wollen wir, dass jede geflüchtete Person die Unterstützung erhält, die sie braucht. Wir wollen, dass alle unter menschenwürdigen Bedingungen leben können. Oder wie eine Gelüchtete selbst sagte: „Ich will einfach ein normales Leben führen.“ Da Geflüchtete diese
Unterstützung aber nicht erhalten, fordern wir gerade die Anerkennung von LSBT als besonders schutzbedürftig. Damit lassen wir uns auf eine Struktur ein, in der Menschen nicht selbst bestimmen dürfen, was sie brauchen; aber mehr erhalten, wenn sie als bedürftig gelten.

Wir sprechen davon, dass Geflüchtete traumatisiert sind. Von einem Trauma spricht man, wenn Menschen schlimme Erfahrungen machen. Oft ist das Problem, dass die Erfahrungen von den Menschen dann individualisiert werden. Wenn von Trauma gesprochen wird, lautet die Antwort Therapie. Und ja, wir fordern, dass Geflüchteten Räume ermöglicht werden müssen, wo sie ihre Erfahrungen verarbeiten können. Therapie oder psychosoziale Beratung. Wir fordern aber auch, dass die Lebensumstände verbessert werden müssen. Wir fordern, dass Zustände abgeschafft werden müssen, in denen keine Heilung, kein Wohlbefinden, keine Stabilität, keine Sicherheit möglich ist. Zu diesen Zuständen zählen z.B. Sammelunterkünfte. Aber auch, wenn Personen immer wieder nach gewaltvollen und/oder intimen Erfahrungen gefragt werden, wenn sie Asyl beantragen. Es ist eine Struktur von Macht und Kontrolle, die Selbstbestimmung und das Aufbauen einer Zukunft verhindert.

Welche Veränderungen finden wir notwendig? Wir fordern, dass Geflüchtete LSBTIQ die nötige Unterstützung erhalten, um selbstbestimmt leben zu können. Wir fordern, dass Geflüchtete selbst bestimmen können, was diese Unterstützung sein soll. Wir fordern, dass Geflüchtete psychologische Unterstützung schnell und kostenlos erhalten, wenn sie das wollen. Das darf nicht davon abhängen, welchen Aufenthaltsstatus sie haben oder ob sie eine Krankenversicherung haben. Diese Unterstützung muss antirassistisch und queer-freundlich sein. Wir fordern, dass ein Umgang mit Gewalt und Diskriminierung ermöglicht, der selbst nicht gewaltvoll und/ oder diskriminierend ist.

 

Matthias Vernaldi

Liebe Paradierende!

Vor etwas mehr als zehn Jahren wurden die Stimmen von Menschen immer lauter, die in den 50er bis 70er Jahren als Kinder und Jugendliche in Heimen für Säuglinge, Waisenkinder, sogenannte Verwahrloste oder Schwererziehbare leben mussten. Sie berichteten von Gewalt, Misshandlungen, Ausbeutung und Missbrauch. Der Petitionsausschuss des Bundestags beschäftigte sich damit und berief einen runden Tisch ein. In Folge wurden zwei Fonds gebildet – einer für die BRD bis 1975 und einer für die DDR bis 1990. Aus denen heraus wird den Opfern Zuwendung und Hilfe geleistet. Selbst wenn die Zahlungen nicht besonders hoch sind, stellen sie für viele eine Anerkennung des erfahrenen Unrechts dar.

Auch ich war von 1967-1977 in Heimen untergebracht. Der Grund dafür war, dass ich zur Schule gehen musste, aber nicht gehen konnte. Ich konnte schon als kleiner Junge nicht laufen. Zu dieser Zeit gab es in der ganzen DDR keine Schule für Körperbehinderte, die ohne ein Internat funktionierte. Erst 20 Jahre später entstanden hier kurz vor Ende des Systems zaghafte Ansätze einer wohnraumnahen Beschulung. Mein Großvater hatte die Idee, dass ich in meinem Heimatort wie alle anderen Kinder auch in die Schule ging. Das würde allerdings seitens der Volksbildung als absoluter Blödsinn abgestempelt. Behinderte mussten extra unterrichtet werden.

Was die Opfer der Heimunterbringung vor zehn Jahren ans Licht brachten, entsprach genau dem Erleben meiner Schulzeit.
Die ersten sechs Schuljahre war ich im thüringischen Gotha in einer staatlich geführten Einrichtung untergebracht. Sie lag mitten im Wald lag und war von hohen Mauern umgeben. Wir sahen nie andere Menschen als das pflegerische und pädagogische Personal.

Es gab dort als Strafort die Mäusekiste. Eine hohe große Holzkiste, die auf dem kalten finsteren Dachboden stand. Wer aufsässig war, wurde da hineingesetzt. Es handelte sich um Kinder, die schwere Behinderungen hatten, sich also kaum bewegen konnten. Sie wurden dort im Dunkeln und in der Kälte alleingelassen – für wie lange, wussten sie nicht. Man sagte, in der Kiste gäbe es viele Mäuse, tote und auch lebendige, die dich anknabbern konnten.

Einmal kam mein Freund Uwe – er war elf Jahre alt – mit Pflegerin, die damals noch Schwester genannt wurde, in Streit. Der steigerte sich, bis sie ihn aus dem Rollstuhl riss und aufs Bett warf. Er hatte schwache Muskeln und Gelenke und musste behutsam behandelt werden. Bei dieser Aktion hat er sich bestimmt einiges gestaucht und verzerrt. Voller Schmerz und Ohnmacht lag er da und heulte. Dann brüllte er: „Wenn ich ein Gewehr hätte, ich würde alle Schwestern an die Wand stellen und dann – ratatatam!" Das hörte der Chefarzt, der zufällig in der Nähe des Zimmers war. Er kam herein und herrschte ihn an: „Wenn hier welche an die Wand gestellt werden, ist ja wohl klar, wer.“ Das ist für mich bis heute der klarste Ausdruck des Geistes, der damals herrschte.

Es gäbe noch viel zu berichten: von fremdnützigen medizinischen Eingriffen, also gefährlichen Operationen, die nicht der Therapie, sondern der Forschung dienten, bis hin zu der evangelischen Schwester, die als Heimleiterin Kinder und Jugendliche körperlich und psychisch misshandelte , sie sogar sexualisierter Gewalt aussetzte, ohne dass sie, als das nicht mehr zu verheimlichen war, vor einem Gericht stehen musste.

Als ich davon hörte, dass Fonds eingerichtet wurden, freute ich mich erst einmal. Dann wurde sehr schnell klar, dass diese Entschädigungen nicht für Leute gedacht waren, die in Einrichtungen leben mussten, die sich auf ihre Behinderung bezogen, ebenso nicht für Menschen, die als Kinder und Jugendliche in psychiatrischen Einrichtungen untergebracht waren. Wir waren von vornherein nicht mitgedacht. Wir mussten dasselbe Unrecht erleiden, doch bei uns gilt es nicht als solches. Als die ersten Stimmen laut wurden, die eine Gleichbehandlung einforderten, sagte die Politik, darüber müsse noch einmal gesondert nachgedacht und verhandelt werden. Seitdem denkt man gesondert nach – natürlich ohne die Betroffenen.

So deutlich kann eine Gesellschaft sagen: „Ihr gehört nicht dazu!“ Die Verletzung von Menschenrechten bei Behinderten und Verrückten ist normal. Dafür können sie nicht entschädigt werden. Schließlich ist es ja (wenn auch graduell nicht mehr so schlimm) bis heute so. Da hätten wir viel zu entschädigen.
Wir fordern eine Gleichbehandlung bei der Opferentschädigung von Menschen, die als Kinder und Jugendliche wegen einer Behinderung oder psychiatrischen Diagnose in einem Heim zu leben gezwungen und dort Misshandlungen ausgesetzt waren. Es muss einen runden Tisch mit Betroffenen geben und die entsprechenden Fonds müssen finanziell und terminlich erweitert und für diesen Personenkreis geöffnet werden.

Danke für eure Aufmerksamkeit!

 

 

Redebeiträge 2014

AK MOB - Arbeitskreis Menschen mit und ohne Behinderung

Bevor wir die Musik laut stellen, wollen wir uns aber noch ein wenig beschweren. Wir haben den Eindruck, dass in letzter Zeit viel über Inklusion geredet wird. Wir haben aber auch den Eindruck, dass manche Leute von Inklusion reden, ohne wirklich etwas ändern zu wollen. Und darauf haben wir keine Lust! Nicht nur das: Wir werden zunehmend ärgerlich.

Ein paar Beispiele:

Es gibt Leute, die sagen:
"In einer inklusiven Gesellschaft gibt es nicht mehr Behinderte und Nichtbehinderte, sondern nur noch Menschen."

Was für eine schreckliche Vorstellung! Warum sollen denn Behinderte und Nichtbehinderte abgeschafft werden? Es wäre schön, wenn wir nicht mehr erklären müssten, dass Rampen wichtig sind. Es wäre schön, wenn wir nicht mehr erklären müssten, warum Leichte Sprache wichtig ist. Es wäre toll, wenn Blinde sich überall gut orientieren könnten! Aber wir möchten weiterhin gesehen werden: Als Behinderte mit besonderen Erfahrungen und Wissen. Als so wie wir sind.

Noch ein anderes Beispiel. Es gibt Leute die denken:
"Inklusion bedeutet, dass alle Kinder gemeinsam auf eine Schule gehen."

Für uns bedeutet Inklusion nicht, dass alle auf die Schulen gehen, die es jetzt gibt. Die Schulen, die es jetzt gibt, sortieren Leute aus. Eine Schule nützt wenig, wenn danach doch nur ein Platz in der Behindertenwerkstatt bleibt. Und wer sagt eigentlich, dass wir Schulen brauchen, die uns einen Platz in der Gesellschaft vorschreiben? Wer bestimmt, dass wir Noten brauchen, um später im Beruf zu bestehen? Wir brauchen andere Schulen! Wir brauchen Schulen, in denen wir Wertschätzung erfahren, so wie wir sind. Wir haben keine Lust mehr, nach Noten sortiert zu werden!

Manche Leute loben die Inklusion und sagen:
"Inklusion nimmt dich in deinen Stärken wahr."

Es wird oft gesagt, dass auch Behinderte leistungsstark sind und gute Arbeit leisten. Wenn Arbeitgeber_innen Behinderte einstellen, dann tun sie das weil es ein Gewinn für sie ist. Das hat aber nicht viel mit Inklusion zu tun. Denn mal ehrlich: Es gibt Behinderte und Nichtbehinderte, die gute Arbeit leisten. Und dann gibt es Behinderte genauso wie Nichtbehinderte bei denen es im Job einfach nicht so läuft.
Wir möchten eine Gesellschaft, in der wir sein können, wie wir sind. Wir möchten eine Gesellschaft, in der nicht nur unsere Stärken, sondern auch unsere Schwächen, Kratzer und Ecken akzeptiert werden. Geht es nur um Geld und Leistung, dann wird es immer Menschen geben, die das nicht erfüllen können. Es gibt 50.000 behinderte Schulabgänger_innen im Jahr. Nur 3.000 finden danach einen Ausbildungsplatz im Betrieb. Das ist wenig. Nur einer von vier Betrieben hat in den letzten Jahren Behinderte ausgebildet. Das zeigt drei Dinge: Vielen Arbeitgeber_innen haben Vorurteile. Vielen geht es nur ums Geld. Und Kapitalismus ist scheiße.

Wenn einige von Inklusion sprechen sagen sie:
"Jeder Mensch kann gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben.“

Das klingt gut. Stimmt aber nicht. Wenn wir von einer inklusiven Gesellschaft sprechen, dann geht es nicht nur um Behinderte. Wer in Deutschland zum Beispiel nicht die passende Staatsbürgerschaft besitzt, darf sich nicht frei bewegen, nicht arbeiten und nicht an politischen Entscheidungen mitwirken. In einer Welt, in der einige Nationen reich sind, weil andere arm sind; in einer Welt in der Rechte nur bestimmten Menschen zuerkannt werden, in einem Europa, dass seine Grenzen dicht macht - ist Inklusion unmöglich!

Das alles ist jedoch kein Grund aufzugeben: Wir müssen schließlich wissen, was schlecht läuft, wenn wir etwas ändern wollen. Und wir wollen etwas ändern! Wir wollen Barrieren abschaffen. Nicht Behinderte. Wir wollen mit euch laut sein und stören, bis alle Kinder in der Schule Anerkennung bekommen. Und wir beschweren uns so lange, bis neben der Arbeit auch das Recht auf Faulheit viel Platz hat!

 

Mina-Leben in Vielfalt e.V.

Auch wir Menschen mit Behinderung und Migrationshintergrund möchten gehört werden.
Menschen verlassen aus verschiedenen Gründen ihre Heimat und ziehen in ein anderes Land oder eine andere Region ihres Landes.
Die Migranten kennen sich jedoch häufig mit den Sozialsystem sowie den Gesundheitssystemen in ihrer neuen Heimat nicht aus. Sie können aufgrund von Sprachschwierigkeiten nur begrenzt oder gar nicht mit dem Behörden , Institutionen und Ärzten und Ärztinnen verständigen.
Wir die Mina-Leben in Vielfalt e.V. vertreten die Stimme von Menschen mit Behinderung und Migrationshintergrund. Ihre Bedürfnisse, Sorgen und Ängste müssen Gehör finden.
Wir fordern Inklusion:

  • Menschen mit Migrationshintergrund und behinderte Menschen in allen Bereichen der Hilfesystems wieder zu finden.
  • Die Politik muss sich ebenso für Menschen mit Behinderung und Migrationshintergrund und deren spezifischen Bedürfnisse einsetzen.
  • Gesellschaftliches Umdenken zum Thema Behinderung
  • dass Institutionen sich den Menschen mit besonderen Wünschen (mit Migrationshintergrund) öffnen und entsprechende Angebote anbieten.
  • ohne sprachliche und kulturelle Barrieren die Hilfesysteme in Anspruch zu nehmen
  • Beratungsstellen für Menschen mit Behinderung und Migrationshintergrund in Muttersprache zu fördern.

Auch die 20% der Menschen, die in Entwicklungsländern mit einer Behinderung leben, ergreifen im Katastrophenfall die Flucht. In Flüchtlingslagern sind Menschen mit Behinderung benachteiligt, da diese zumeist nicht barrierefrei sind. Die Menschen leben unter unwürdigen Möglichkeiten.
Die Unterbringung sowie die med. Versorgung in den Notunterkünften sollten bereits in den ersten Tagen bedarfsgerecht für besonders schutzbedürftige Personen erfolgen, mit dem Ziel sie in kurze Zeit in das Versorgungssystems zu vermitteln.

 

Monika Jaekel,
Frauen-Beauftragte der Elbe-Werkstätten
Hamburg (Betrieb Mitte)

Ich möchte Ihnen mitteilen: Warum Frauen-Beauftragte in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen so wichtig sind.

Und ich möchte Ihnen einen kleinen Eindruck von meiner Arbeit als Frauen-Beauftragte geben.
Ich selbst bin schon seit 32 Jahren in der Werkstatt Beschäftigte und habe schon viel gesehen. In meinen Anfangs-Jahren habe ich bereits Umgangsweisen mit Frauen sehen müssen, wo mir sofort klar war: Dagegen muss etwas getan werden. Ich wusste nur jahrelang nicht wie.

Ein Beispiel: Es war früher schon fast normal, dass Frauen von Kollegen auf den Po gehauen wurden. Oder dass Frauen gegen ihren Willen angefasst wurden. Oder einfach auf den Mund geküsst wurden.
Mir wurde schnell klar, dass meine Kolleginnen solche Übergriffe nicht wollten. Sie wussten aber nicht, wie sie sich dagegen wehren konnten. Und genau da hat es keine Hilfe gegeben, die Frauen zu stärken.

Es gab auch noch viel schlimmere Vorfälle: Frauen sind von Kollegen sogar in den Keller oder in stille Ecken gelockt worden. Es hat sexuelle Übergriffe gegeben.
Wie ist das Werkstatt-Personal mit solchen Vorfällen umgegangen? Die Angestellten haben das früher unter sich ausgemacht. Die betroffenen Frauen waren bei diesen Gesprächen ausgeschlossen. Ich habe damals ein paar mal mitbekommen, dass bestimmte Kollegen und Kolleginnen auf einmal nicht mehr da waren. Auf Nachfragen habe ich keine Antwort bekommen. Das war in den 80er Jahren.

Heute sieht das anders aus:
Die betroffene Frau kann entscheiden, ob sie in den Klärungs-Gesprächen mit der Leitung und dem Sozialen Dienst dabei sein möchte. Und auch ich, als Frauen-Beauftragte, werde dazu geholt. Die Leitung legt Wert auf meine Meinung und meine aktive Unterstützung für die betroffenen Frauen.
Aber das war am Anfang gar nicht so einfach: Die Leitung und der soziale Dienst waren es nicht gewohnt, Probleme zusammen mit einer Beschäftigten zu klären.

Ich selbst habe 2009 an einer Schulung zur Frauen-Beauftragten teilgenommen. Diese wurde von den 2 Vereinen Weibernetz und Mensch Zuerst durchgeführt.

Da haben wir zum Beispiel gelernt, wie wir andere Frauen gut beraten können. Wir haben gelernt, welche Rechte Frauen haben. Und wir haben gelernt, was sexualisierte Gewalt ist. Und wo Frauen Hilfe bekommen können. Jede Frau hat das Recht auf Schutz vor sexualisierter Gewalt. Jede Frau hat das Recht, Nein zu sagen, wenn etwas passiert, was sie nicht will.
Als Frauen-Beauftragte arbeite ich vertraulich. Das heißt, ich erzähle nichts weiter, wenn eine Frau das nicht will.

Für meine Arbeit als Frauen-Beauftragte bin ich einen Tag in der Woche von meiner Werkstatt-Arbeit freigestellt. Dabei habe ich immer eine Unterstützerin an meiner Seite. In dieser Zeit biete ich zum Beispiel Sprechzeiten für meine Kolleginnen an. Oder wir geben besondere Fortbildungen, nur für Frauen. Zum Beispiel Selbst-Behauptung für Frauen. Oder zu wichtigen Gesetzen für Frauen mit Behinderungen und Lernschwierigkeiten.
Aber Frauen-Beauftragte kann man nicht nur einmal die Woche und für ein paar Stunden sein. Das heißt: In der Werkstatt habe ich dauerhaft den Blick für meine Kolleginnen als Frauen-Beauftragte.

Die Hamburger Elbe-Werkstätten sind ein riesiger Betrieb mit etwa 3600 Beschäftigten in vielen Betriebs-Stätten. Deshalb gibt es auch 3 Frauen-Beauftragte für die Beschäftigten. Und jede hat ihre eigene Unterstützerin.

Ein besonderer Problem-Bereich in Einrichtungen ist die Hilfe bei der Pflege für Menschen mit hohem Unterstützungs-Bedarf:
Sie können sich nicht aussuchen, wer die Pflege macht.
Zum Beispiel: Beim Toiletten-Gang. Es kommt sogar vor, dass der Pflege-Dienst mal gar nicht da ist. Dann müssen die Gruppen-Leiter die Pflege übernehmen. Das kann für die Betroffenen sehr unangenehm sein.
Insgesamt kommt die Unterstützung bei der Pflege in Werkstätten meistens zu kurz.
Das hat sich zwar heute schon deutlich verbessert, aber ich habe gehört, dass es immer noch Werkstätten gibt, die gar keinen Pflege-Dienst haben.

Dabei müsste es doch so sein:
Wenn Frauen nur von Frauen gepflegt werden möchten, dann sollte das ernst genommen werden.
Frauen sollten ein Recht darauf haben, dass ihnen dieses Bedürfnis erfüllt wird. Das gilt natürlich genauso für Männer. Die Wirklichkeit sieht leider noch anders aus.

Seit es die Frauen-Beauftragten für die beschäftigten Frauen gibt, hat sich in Werkstätten schon Vieles geändert! Viele Menschen in den Einrichtungen wissen inzwischen, dass es die Frauen-Beauftragte für die Beschäftigten gibt, und dass sie besonders aufpasst: Ob es den Frauen gut geht. Das allein ändert schon etwas! Es sollten also Alle, Beschäftigte und Angestellte bescheid wissen, dass es die Frauen-Beauftragte gibt.

Ich habe mich in meiner Werkstatt für ein besonderes Projekt eingesetzt: Für einen Leit-Faden zum Umgang mit sexualisierter Gewalt. Dieser Leit-Faden soll für die ganze Werkstatt gelten. Denn alle sollen wissen, was sie machen müssen, wenn eine Frau kommt und von sexueller Belästigung erzählt. Dann sind klare Regeln wichtig. Ich habe es geschafft, die Geschäfts-Leitung zu überzeugen: Es wurde eine eigene Arbeits-Gruppe extra für diesen Leitfaden gegründet. Der Leitfaden wird demnächst erscheinen. Und ich freue mich, dass ich als Frauen-Beauftragte aktiv daran mitgearbeitet habe.

Ich möchte Frauen in Einrichtungen Mut machen und stark machen. Ich möchte etwas dafür tun, dass Frauen in der Werkstatt ihre Rechte bekommen! Denn sie haben Rechte! Und ich möchte Kolleginnen auf Augenhöhe beraten. Das heißt: Weil ich auch Beschäftigte bin, verstehe ich meine Kolleginnen gut. Ich glaube ihnen. Und ich weiß genau, wovon sie sprechen. Denn ich habe ja auch Lernschwierigkeiten.

Es sollte Frauen-Beauftragte in allen Werkstätten geben!
Deshalb fordern wir Frauen-Beauftragten ein Gesetz:
Ein Gesetz, das Werkstätten für behinderte Menschen verpflichtet, eine Frauen-Beauftragte für die Beschäftigten einzusetzen und zu fördern. Das gilt genauso für Wohn-Einrichtungen.

 

Uta Wagenmann,
GEN-ethisches Netzwerk

Hallo, allesamt – toll, dass wir auf der zweiten Pride Parade wieder so viele sind! Toll nicht nur, weil die Parade wirklich Spaß gemacht hat letztes Jahr. Sondern auch, weil es so sehr wichtig ist, sich nicht zu verstecken.

Weil es so sehr wichtig ist, das Denken gehörig durcheinander zu bringen, das Menschen in Schubladen wie “krank”, “verrückt” oder “behindert” steckt. Dagegen anzutanzen und anzufeiern, dass Beeinträchtigungen ganz selbstverständlich und ausschließlich mit etwas Schlechtem, mit Leiden verbunden werden.

Sich nicht zu verstecken, ist auch deshalb wichtig, weil es zunehmend selbstverständlicher wird, dass Embryonen mit Beeinträchtigungen vor der Geburt ausgesondert werden. Wir vom Gen-ethischen Netzwerk sind – als unabhängiger Verein – seit vielen Jahren aktiv gegen diese Selbstverständlichkeit.

Deswegen haben wir auch im letztem Jahr schon hier gestanden und über neue Untersuchungsmethoden gesprochen, die es möglich machen, Beeinträchtigungen schon früh in der Schwangerschaft zu erkennen und damit die Aussonderung noch einfacher machen.

Diese neuen Tests, mit denen das Blut der Schwangeren untersucht wird, suchen nach “Behinderungen”, nach “Defiziten”, nach “Mängeln” beim Embryo. Dabei geht es einzig und allein darum, diejenigen auszusortieren, die den Qualitätscheck nicht bestehen. Damit Kinder nicht geboren werden, wenn sie nicht so sind wie das, was als “normal” gilt.
Heute, ein Jahr später, müssen wir wieder über diese Tests sprechen. Denn es sieht ganz danach aus, dass sie bald zum Routineprogramm in der Schwangerenversorgung gehören. Im letzten Jahr mussten sie noch selbst bezahlt werden, und so wurden sie nicht so häufig in Anspruch genommen. Nun werden die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten übernehmen. Das hat im Mai der Gemeinsame Bundesausschuss beschlossen – das ist das Beschlussgremium von Ärzteschaft, Krankenhäusern und gesetzlichen Krankenkassen.

Zunächst sollen die Tests nur “vorläufig”, im Rahmen einer Studie, bezahlt werden – aber das kennen wir schon, damit ist der erste Schritt zur Routine gemacht. Bald werden sie ganz selbstverständlich bezahlt werden.
Das ist das Gegenteil von Inklusion: Wer Hilfsmittel oder gar eine persönliche Assistenz braucht und deshalb bezahlt bekommen möchte, muss das lang und breit begründen. Aber für Technologien, die die Aussonderung vor der Geburt einfach machen, werden öffentliche Gelder problemlos zur Verfügung gestellt. Beides ist untragbar! Beides gehört geändert, und zwar sofort! Deshalb fordern wir die gesetzlichen Krankenkassen auch auf, ihre Entscheidung zu den Tests zurückzunehmen!


Und wir fordern die Leute, die in dem Gremium sitzen, um die Interessen von chronisch Kranken und von Behinderten zu vertreten, dazu auf, das auch zu tun! Es ist kaum zu glauben, aber auch der deutsche Behindertenrat hat der Entscheidung der gesetzlichen Krankenkassen nicht widersprochen. Ich kann nur wiederholen, was wir schon im letzten Jahr gesagt haben: Wir wollen keine Qualitätschecks! Wir wollen eine Welt von und für Menschen, und zwar so wie sie sind. Wir wollen keine Gesellschaft, die aus “Leistungsträgern” besteht, oder aus “Humankapital”. Weil so eine Gesellschaft nicht nur extrem langweilig wäre, sondern auch grausam. Denn dann geht es nur noch um Ausgrenzung. Nehmen wir uns heute die Straße auch, damit das nicht passiert! Tanzen wir an gegen das “Normal-Sein”, feiern wir das Leben in seiner ganzen Vielschichtigkeit - mit oder ohne Handicaps, normalgestört oder verrückt. Wir haben nur dieses eine!

 

Bündnis gegen Zwangsräumungen

Ich spreche für das Bündnis gegen Zwangsräumungen. Ich sage oft wir. Damit meine ich die Menschen vom Bündnis. Ich sage nun etwas zum Bündnis. Wir nennen uns das Bündnis gegen Zwangsräumungen. Bündnis bedeutet, dass sich Menschen zusammen um ein Thema kümmern. Wir kümmern uns um Menschen, denen eine Zwangsräumung bevorsteht. Bei einer Zwangsräumung werden Mieter_innen aus ihrer Wohnung gebracht. Das Gericht erlaubt das. Die Polizei hilft oft es zu machen. Dies ist immer eine schlimme Situation für diese Menschen. Meistens haben sie keine neue Wohnung. Denn sie finden keine neue billige Wohnung. Wir versuchen durch Druck auf Politik und verantwortliche Menschen zu unterstützen. Wir machen Demonstrationen und verteilen Informations-Blätter. Wir versuchen die Räumung zu blockieren: Wir setzen uns zum Beispiel vor die Wohnungstür. Viele Menschen müssen ihre Wohnungen verlassen. Denn diese sind zu teuer. In Berlin kostet die Miete immer mehr Geld. Wir wollen nicht, dass Menschen aus ihren Wohnungen raus müssen, weil sie zum Beispiel wenig Geld haben.

Ich werde nun oft die Worte behindert und verrückt verwenden. Nicht für alle betroffenen Menschen passen diese Worte. Damit die Sprache einfacher ist, sage ich immer nur diese zwei Begriffe. Nennt euch so, wie ihr wollt. Wir akzeptieren die Selbst-Bezeichnung.

Behinderte und verrückte Menschen sind besonders von der unsozialen Wohnungs-Situation betroffen. Sie sind besonders von der Gefahr von ungewollter Wohnungslosigkeit bedroht. Wir nennen hier nur einige Probleme. Die Betroffenen haben diese Probleme nicht gemacht. Die Gesellschaft ist schuld daran.

Um eine Wohnung anzumieten braucht man fast immer eine Arbeit. Viele Arbeit-Geber haben Vorurteile gegen behinderte und verrückte Menschen. Sie stellen diese dann nicht ein. Deshalb haben sie keine Arbeit. Dann sind sie auf Hilfe vom Staat angewiesen. Sie bekommen dann Geld vom Job-Center. Oder behinderte und verrückte Menschen können nicht so arbeiten wie Arbeit-Geber es wollen. Sie sind dann arbeitsunfähig. Dann sind sie auf Hilfe vom Staat angewiesen. Sie bekommen dann Geld vom Job-Center oder vom Sozial-Amt. Das Job-Center oder das Sozial-Amt zahlt die Miete und Geld zum Leben. Das ist sehr wenig und reicht oft nicht für die Miete aus. Das Job-Center oder das Sozial-Amt will dann, dass die Menschen sich eine neue billige Wohnung suchen. Oft ist der Kontakt mit dem Job-Center oder mit dem Sozial-Amt sehr anstrengend und kompliziert. Die Mitarbeiter_innen beraten auch nicht richtig.

Manchmal zahlt das Job-Center die Miete nicht rechtzeitig oder zu wenig. Dann werden die Miet-Verträge gekündigt. Dann werden die Menschen manchmal zwangsgeräumt. Vermieter freuen sich oft Miet-Verträge zu kündigen. Dann können sie neue, teure Miet-Verträge abschließen. Behinderte Menschen finden oft keine neue Wohnung. Viele Wohnungen haben keinen Aufzug. Aufzüge werden oft nur für teure Wohnungen gebaut. Das ist Luxus. Aufzüge werden oft nicht für Menschen gebaut, die diese dringend benötigen. Außerdem bekommen behinderte und verrückte Menschen oft keinen Mietvertrag. Denn die Ver-Mieter haben Vorurteile.

Es gibt zu wenige soziale Wohnungen. Es gibt zu wenige Wohnungen mit Aufzug für gehbehinderte Menschen. Die Stadt kümmert sich nicht darum. Verrückte Menschen können Hilfe vom sozial-psychiatrischen-Dienst nur erhalten, wenn sie sich verpflichten bei allen Regeln mitzumachen. Sie werden dann kontrolliert. Behinderte und verrückte Menschen können sich auch nicht um ihre Wohnungssituation kümmern, wenn sie zum Beispiel behandelt werden. Das braucht oft viel Zeit. Manchmal werden verrückte Menschen mit Zwang in die Psychiatrie gesperrt. Sie verlieren dann ihre Wohnung. Günstige Wohnungen gibt es fast nur noch am Stadtrand. Menschen ohne Arbeit werden aus der Stadt verdrängt.

Manchmal sind behinderte und verrückte Menschen auch von Rassismus oder anderen Diskriminierungen betroffenen. Dann ist es für sie besonders schwierig.
Ich nenne nun Beispiele für Zwangs-Räumungen:
Eine Frau wurde im Sommer 2012 aus ihrer rollstuhlgerechten Wohnung in Kreuzberg geräumt. Sie hatte lange nach der Wohnung gesucht. Die Miete wurde immer mehr. Sie konnte diese nicht mehr bezahlen. Viele Leute haben sie unterstützt. Sie haben protestiert. Leider musste sie trotzdem raus.
Eine Familie wurden vor mehr als 3 Monaten aus ihrer Wohnung in Charlottenburg geräumt. Viele Polizisten halfen mit. Es waren einige Menschen da und haben protestiert. Der Vater der Familie gilt als schwerbehindert. Sie mussten raus aus ihrer Wohnung. Nun sind sie wohnungslos. Sie müssen nach einer sicheren Wohnung suchen.

Ich nenne nun unsere Forderungen:

  • Wir wollen, dass Menschen nicht mehr aus ihrer Wohnung raus müssen.
  • Wir wollen, dass das Job-Center oder das Sozial-Amt keine Zwangsräumungen verursacht.
  • Wir wollen, dass Arbeitgeber und Vermieter keine Vorurteile gegen Behinderte und Verrückte haben.
  • Wir wollen, dass viele Menschen von unserem Protest gegen Zwangs-Räumung wissen und mitmachen.
  • Wir wollen billige, soziale und barrierefreie Wohnungen für alle.
  • Wir wollen nicht, dass Wohnen zum Geld-machen da ist.

 

AK Psychiatriekritik

In der Psychiatrie entscheidet das Personal, ob ein Mensch krank ist oder nicht. Das nennen wir Fremdbestimmung, weil man nicht selbst entscheiden kann! Wer nicht freiwillig bleiben möchte, wird oft gezwungen zu bleiben. Das wird Zwangsunterbringung genannt.
Die Richter_innen, die die Entscheidung über die Unterbringung fällen, sind oftmals nicht neutral oder glauben nur den Ärzt_innen. Menschen, die den Richter_innen vorgeführt werden, befinden sich nicht in ihrem gewohnten Umfeld und stehen zumeist bereits unter Einfluss der Psychopharmaka.
Diese sogenannten “Medikamente” verändern das Bewusstsein. Sie haben sehr schädliche Auswirkungen auf unter anderem Gehirn, Bewegungen und Emotionen. Psychopharmaka bilden die Grundlage der Behandlung in der Psychiatrie. Wer sie nicht freiwillig nimmt, bekommt sie oftmals per Zwang verabreicht. Wer einmal per Zwang in der Psychiatrie untergebracht ist, ist außerdem ständig in Gefahr Gewalt durch das Personal zu erfahren. Entlassen werden nur Menschen, die sich der Meinung der Ärzt_innen unterworfen haben.
Und nun stell dir vor, du sitzt in deiner Wohnung. Du wunderst dich, als es plötzlich an der Tür deiner Wohnung klopft. Du hast keinen Besuch mehr erwartet. Du erschrickst noch viel mehr, als du die Tür öffnest. Vor dir stehen zwei dir unbekannte Menschen, gefolgt von zwei uniformierten Polizist_innen. Sie fragen dich, wie es dir geht, während sie prüfende Blicke durch deine Wohnung, deine Privatsphäre streifen lassen. Anstatt auf deine irritierten Gegenfragen einzugehen, beschließen sie, dir geht es so gar nicht gut. Du bist eine Gefahr für dich selbst, für andere oder für sogenannte bedeutende Rechtsgüter. Du sollst mitkommen. Sie machen klar: entweder freiwillig oder durch Zwang. Zu deinem eigenen Wohl. Du wirst in die Psychiatrie gebracht.
Noch wirkt das wie eine Gruselgeschichte. Derzeit wird jedoch die Grundlage, um diese Geschichte wahr zu machen überarbeitet. Der aktuelle Entwurf des „Psychisch-Kranken-Gesetz“ sieht vor, dass nun auch einer staatlichen Behörde, dem Sozialpsychiatrischen Dienst, Zutritt zu Wohnungen ermöglicht wird. Auch wenn die Menschen, die dort wohnen, das nicht wollen! Eine Beschwerde von Nachbar_innen oder ein Anruf beim Sozialpsychiatrischen Dienst reicht dann aus. Das ist gefährlich, weil dann immer leichter Menschen gegen ihren Willen in die Psychiatrie gebracht und dort festgehalten werden können. Die “Sozialpsychiatrie”, die behauptet, dass sie den Menschen hilft, arbeitet eng mit den Psychiatrien und auch mit der Polizei zusammen.
Das psychiatrische System basiert auf stigmatisierenden Diagnosen. Es bezeichnet immer mehr Erfahrungen des Menschen als „Krankheit“. Es behandelt diese mit schädlichen Psychopharmaka, die die Lebenserwartung reduzieren, Menschen zu chronisch Kranken machen und die oft schwierig abzusetzen sind. Dieses sexistische System bezeichnet öfter Frauen* als krank. Dieses System sagt, dass es nur zwei Geschlechter gibt und dass man sich als “Mann oder Frau” definieren muss. Wenn man sich nicht so definieren will, wird man als psychisch krank bezeichnet. Dieses rassistische System gibt People of Color die Diagnosen, nach denen man als besonders gefährlich gilt. Sie werden auch am Meisten gegen ihren Willen behandelt.
Dieses System gehört bekämpft! Menschen sollen selbst entscheiden können, wie sie sich definieren wollen. Sie sollen selbst entscheiden können, ob sie leiden oder nicht, Sie sollen selbst entscheiden können, ob sie sich Unterstützung holen möchten oder nicht.
Verhaltensweisen, die als krank, verrückt und nicht normal benannt werden, sollen endlich selbstverständlich Teil unseres Lebens sein. All denen, die bestimmen wollen, ob wir krank sind oder nicht, haben wir eins zu sagen: Heilung bedeutet für uns nicht, leistungsfähig zu sein für die Arbeit, die wir im Kapitalismus immer für Andere erledigen sollen.
Wir fordern eine Befreiung von jeder Form der Herrschaft und Unterdrückung. Zum Beispiel Sexismus, Rassismus, Ableismus oder das psychiatrische System. Wenn ihr Leid lindern wollt, dann setzt euch politisch gegen diese Herrschaft und Unterdrückung ein!
Bis dahin lauten unsere Forderungen an das psychiatrische System: * Nichts über uns ohne uns! Keine Forschung, keine Lehre, keine Ausbildung, keine psychiatrische Einrichtung ohne Betroffene. Betroffenenkontrolle heißt nicht, dass wir ein Stück von eurem Kuchen abbekommen, sondern selbst einen eigenen Kuchen backen wollen!
* Kein Zwang, keine Gewalt! Ob in der geschlossenen Psychiatrie, im Heim, in der Tagesklinik, in der Therapie oder durch die Polizei!
* Mehr Alternative Einrichtungen zur Psychiatrie! Auch linke Menschen sollen überlegen, wie sich Psychiatriebetroffene in linken Gruppen oder Veranstaltungsorten wohlfühlen können. Es soll mehr Schutzräume geben. Fragt einander, was ihr braucht!
Wir wollen einen Ort schaffen möglichst frei von Angst irgendwie komisch oder falsch zu sein. Wir laden euch ein zum „Mad Tresen“ am 1. August im f.a.q. Flyer werden auch auf der Parade verteilt.
Viele können – oder wollen – heute nicht hier sein. Vielleicht weil es ihnen schlecht geht. Vielleicht weil sie weggeschlossen sind oder weil wir sie in psychiatrischen Einrichtungen leben und sie dort unsere Werbung für die Pride Parade nicht bekommen haben. Wenn wir heute hier sind, um gemeinsam zu feiern, heißt das nicht, dass wir diese Differenzen überdecken wollen. Es geht nicht um Vergessen schmerzhafter Erfahrungen, sondern darum, trotzig Präsenz zu zeigen und uns nicht zu verstecken mit unseren Erfahrungen. Wir dürfen so sein, wie wir sind und wir erobern uns die Straße!
Für die Abschaffung der Psychiatrie! Für die Abschaffung jeglicher Herrschaft! Für die Revolution!

 

Inklusionäre Queers Berlin

Hallo, wir möchten uns kurz vorstellen:
wir sind eine Gruppe von lesbischen, schwulen, transidenten, intersexuellen, queeren und bisexuellen Menschen mit Behinderung. Wir nennen uns Inklusionäre Queers Berlin. Wir sind kein Verein mit Leuten, die bestimmen, wo es langgeht noch verstehen wir uns als Selbsthilfegruppe. Die Inklusionären Queers Berlin sind eine Gruppe gleichberechtigter Persönlichkeiten. Wir bringen uns je nach Möglichkeiten und Wunsch in die Gemeinschaft ein, sprechen Dinge an und bringen Dinge in Gang. Ein Ziel von den Inklusionären Queers Berlin ist die Überwindung von Isolation und Unsichtbarkeit. Wir wollen auch eine eigene kreative Definition von gesellschaftlichem Wert von LGBTI*s mit Handicap und alternativen Schönheitsidealen. Nach unseren Möglichkeiten teilen wir unser Wissen oder Erfahrungen mit Behörden, Krankenkassen und dem damit verbundenen
Papierkrieg mit den anderen aus unserem erlesenen Kreis. Oft genießen wir bei unseren Treffen einfach nur das Zusammensein und den Austausch von Ideen, Erlebtem oder planen Projekte für die Zukunft. Manchmal stützen wir uns auch gegenseitig in schwierigen Phasen oder bieten einfach nur ein ‚offenes Ohr’ an.

Bei uns kann jede und jeder lesbische, bisexueller, transidenter, intersexueller, queerer oder schwuler Mensch mitmachen, der die Erfahrung von seelischer oder körperlicher Einschränkung macht. Oder sich in den gängigen Normen von Körperlichkeit oder Funktionszwang nicht wieder finden kann oder will. Unser Motto ist: ‚…Raus aus dem Schrank, auf die Straße, rein in die Kneipen, Clubs oder Museen…’. Wir setzen einen gegenseitigen Respekt voraus und wünschen uns Realistinnen, Romantiker, Träumer und/oder Gefährtinnen, die sich aktiv mit gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander setzen. Und Menschen, die mit Engagement sowie einem Schuss Humor Einfluss auf ihre Umwelt nehmen wollen.

Im Opferstatus verharren, bringt uns nicht weiter.

Wer Interesse am Zusammensein mit anderen Queers hat, kann an unserem
offenen Treffen jeden ersten Dienstag im Monat im Südblock um 14:00 Uhr
teilnehmen.
Rassismus, Sexismus, Trans- und Homophobie finden bei uns keinen Platz und müssen leider draußen bleiben.

 

Redebeiträge 2013

Theresia Degener, Berlin 13. Juli 2013

Liebe Freunde und Freundinnen, liebe Freaks, liebe Krüppel und Verrückt, liebe Lahme, liebe Eigensinnige, Blinde Kranke und Normalgestörte!
Liebe alle, die ihr hier auf der ersten deutschen DISABILITY & MAD PRIDE am 13. Juli 2013 in Berlin versammelt seid.
Ich bin Theresia Degener, eine der Veteraninnen der deutschen Krüppel- und Behindertenbewegung und heute Professorin für Recht und Disability Studies. Außerdem bin ich auch Mitglied im Ausschuss der Vereinten Nationen für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Die meisten von Euch und Ihnen werden mich in dieser Rolle als Expertin in Sachen Menschenrechte und Behinderung kennen.
Es ist für mich eine große Ehre auf der Bühne zu stehen und ein paar Worte sprechen zu dürfen.
Gleich zu Anfang möchte ich dem Parade - Bündnis und den Leuten die dahinter stehen danken für die großartige Idee eine Disability and Mad Pride Parade in Deutschland zu organisieren. Eigentlich ist es unvorstellbar, dass es bislang in Deutschland keine Disability and Mad Pride Parade gegeben hat. Das Vorbild, die Disability Pride Parade in Chicago feiert nächste Woche schon ihren 10ten Geburtstag. Mittlerweile gibt es Disability Pride Parades in vielen Städten nicht nur in den USA sondern auch in so unterschiedlichen Ländern wie Norwegen, Südkorea und Großbritannien.
Aber in Deutschland hat es so eine Parade noch nie gegeben, obwohl die radikale deutsche Behindertenbewegung schon über 30 Jahre alt ist. Als eines der historischen Meilensteine gilt ja das Krüppel-Tribunal von 1981, das wir damals als Protestaktion gegen das UNO-Jahr der Behinderten in Deutschland organisierten. Wir haben damals Menschenrechtsverletzungen an Behinderten durch den Staat und die großen Wohlfahrtsverbände angeklagt. Wir haben an konkreten Fällen aufgezeigt, dass Psychiatriepatienten und –patientinnen misshandelt, zwangssterilisiert und erniedrigend behandelt werden; dass behinderte Frauen innerhalb und außerhalb von Behinderteneinrichtungen vergewaltigt werden, dass Behinderte durch Barrieren im öffentlichen Nah-und Fernverkehr diskriminiert werden und Vieles mehr.
Für mich war das Krüppel-Tribunal 1981 und unsere anderen Proteste in diesem Jahr eine große Offenbarung. Ich hatte gerade mein Jurastudium aufgenommen und als einzige offensichtlich Behinderte unter 300 Studierenden sehr schnell zu spüren bekommen, dass ich dort an der Johann-Wolfgang-Goethe -Universität Frankfurt nicht vorgesehen war. Professoren waren irritiert, Kommilitonen und Kommilitoninnen verunsichert. Das Studium der Rechtswissenschaften war ein Kurs in Diskriminierung aushalten und ich habe diesen Kurs bestanden, weil ich mich bereits in einer Regelschule bewährt hatte. Ich wusste, wie man in der Nichtbehindertenkultur überlebt.
Die Vorbereitungen für das Krüppel-Tribunal 1981 haben mich mit Streitgenossen und –genossinnen der Krüppelszene zusammengebracht. Ich traf Behinderte, die so wütend waren wie ich. Behinderte, die die Nase voll hatten von der ewigen Anpassung an den Terror der Normalität; Behinderte, die sich provokativ Krüppel nannten und die Rolle des Musterkrüppelchens, das dankbar, lieb, doof und leicht zu verwalten ist, ablehnten. Diese Zeit damals war eine wichtige Zeit der Identitätsfindung, als politische Behinderte, als Feministin, als Linke. Sie prägt mich und meine Identität auch heute noch, als über 50jährige Professorin, die nicht mehr gegen die UNO sondern mit der UNO arbeitet und die gewiss nicht mehr ganz so häufig schrille Töne von sich gibt.
Was ich aber schon damals in der Krüppelszene vermisst habe und erst gefunden habe, als ich in der internationalen Behindertenbewegung aktiv wurde, ist dass wir uns und unsere Arbeit zu wenig zelebriert haben. Wir haben viel und auch oft erfolgreich protestiert, ## aber wir haben zu wenig gefeiert. Umso erfreulicher ist es nun hier auf der ersten Disability Mad& Pride Parade in Berlin zu stehen und mit euch und Ihnen zu feiern.
Disability Pride Parades haben drei wunderbare Ziele:
1. Soll Behinderung neu und anders gedacht werden. Vom medizinischen Modell von Behinderung, nachdem wir Behinderte vor allem als medizinische Probleme, therapeutische Herausforderungen, leidende Wesen und Rehabilitationsobjekte gelten, gilt Abschied zu nehmen. Stattdessen wollen wir das Menschenrechtsmodell von Behinderung in den Köpfen der Menschen verankern. Nach dem Menschenrechtsmodell von Behinderung sind wir vor allem und zuerst Menschen, die eine unantastbare Würde und unveräußerliche Menschenrechte haben. Erst die Verweigerung dieser Menschenrechte macht unsere gesundheitlichen Abweichungen zu einem Problem, macht uns zu ANDEREN zu den sogenannten AUCH- Menschen. Erst die Verweigerung von Menschenrechten macht uns Behinderte zu Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Es ist höchste Zeit, die Verschleierung und Legitimierung von Menschenrechtsverletzungen an Behinderten durch das medizinische Modell zu enttarnen. Sondereinrichtungen für Behinderte sind keine Schonräume sondern Apartheid. Mitleid mit Behinderten ist keine Tugend sondern Dominanzverhalten. Zwangsbehandlung ist keine Therapie sondern Traumatisierung.

2. Sollen Disability Pride Parades uns Behinderten helfen, unsere eigenen Minderwertigkeitsgefühle zu verlieren. Indem wir uns auf der Straße in einer Parade zeigen und gemeinsam tanzen, wollen wir unsere verinnerlichte Scham über unser Anderssein, über unsere Beeinträchtigungen, über unsere Schräg- und Verrücktheiten öffentlich ablegen. Aus der Diskriminierungsforschung wissen wir, dass Unterdrückung dort am besten funktioniert, wo die Unterdrückten die Ideologie der Unterdrücker verinnerlicht haben. Diejenigen, die sich selbst als minderwertig sehen, empfinden keine Verletzung, wenn ihre Würde getreten wird. Diejenigen, die sich selbst als Problem sehen, fordern keine Rechte ein, wenn sie verletzt werden. Diejenigen, die ihr Anderssein als Schicksal bedauern, fügen sich in die Ungerechtigkeit.
Disability & Mad Pride brauchen wir Behinderten und Verrückten tagtäglich, um der Wucht der Stigmatisierungen, der Gewalt der Entwürdigung, der Heftigkeit der Diskriminierungen zu widerstehen. Behindertenstolz brauchen wir ganz besonders in unserer deutschen Kultur. Eine deutsche Kultur, die noch vor siebzig Jahren Menschen, denen eine Behinderung zugeschrieben wurde, massenhaft und industrialisiert zwangssterilisiert und ermordet hat. Aus der Euthanasieforschung wissen wir – Götz Aly hat es jüngst erneut publiziert- dass die Mehrheit der Bevölkerung und sogar die Mehrheit der Familienangehörigen die T-4-Morde an Behinderten stillschweigend gebilligt haben. Die Politik des Heilens oder Vernichtens wurde in Deutschland nicht mit dem Nationalsozialismus beendet. Viele der NS-Täter und Täterinnen konnten insbesondere in Westdeutschland in der Medizin und in der Behindertenhilfe munter weitermachen. Eine klare Zäsur hat es nie gegeben. Ich gehöre zu den sogenannten Contergangeschädigten, die Anfang der 60er Jahre geboren wurden, gerade einmal 15 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus. Warum von den über 10.000 contergangeschädigten Neugeborenen nur ein Viertel überlebte, wurde niemals genau erforscht. Die meisten von uns Überlebenden hörten aber von unseren Eltern, dass ihnen damals direkt nach der Geburt unsere Tötung als Lösung angeboten wurde. Wir leben in einer deutschen Kultur, in der die Geburt eines behinderten Kindes immer noch und schon wieder als Schande gilt. Es ist kaum verwunderlich, dass die Mehrheit der Schwangeren in Deutschland sich selbstverständlich für eine Abtreibung aufgrund einer möglichen Schädigung des Embryos entscheidet. Es ist kaum verwunderlich, dass in Deutschland immer wieder über Euthanasie als Rettung für die Menschenwürde von schwerbehinderten Neugeborenen und dementen Alten diskutiert wird. Eine deutsche Kultur, die auf Behinderung immer wieder nur als Antwort „Heilen oder Vernichten“ kennt, hinterlässt Spuren in jedem und jeder einzelnen Behinderten. Aber so wie wir gelernt haben, uns als minderwertig zu fühlen und uns für unsere Andersartigkeit zu schämen, so können wir das Erlernte auch wieder verlernen. Die Disability &Mad Pride Parade ist eine großartige Gelegenheit dazu. Wir sind hier, weil wir stolz sind auf uns und weil wir es wert sind, gesehen zu werden. Wir sind hier, weil wir uns wertschätzen und den Respekt vor unserer Würde einfordern. Wir sind hier, weil wir mutig sind und laut.

3. Das ist dann auch zugleich das dritte Ziel von Disability Pride Parades. Disability Mad and Pride Parades sind dazu da unsere Andersartigkeit zu zelebrieren. So wie es in Artikel 3 der Behindertenrechtskonvention heißt, feiern wir uns heute als Teil der menschlichen Vielfalt. Wir sind heute auch auf der Straße weil wir viel zu bieten haben: wir sind behindert und verrückt, wir sind aber auch lesbisch, bi oder straight, wir sind alt und jung, wir sind weiß oder people of color, wir sind Migrant_innen und Nichteinwander_innen, wir sind Frauen, Männer und Intersexuelle und Transgender, wir sind vor allem hier und heute bunt und frech.
Es ist an der Zeit, dass wir uns feiern, es ist an der Zeit, dass Behinderte auch in Deutschland es wagen frech und stolz zu sein, dass wir unsere Andersartigkeit zelebrieren, Behinderung als Lebensstil wertschätzen, den Respekt vor unserer Würde einfordern. Das sind unsere Bedingungen für Inklusion, denn wir sind nicht mehr bereit, uns dem Terror der Normalität zu beugen. Als Symbol für den Terror der Normalität habe ich heute meinen Sohn Emil mitgebracht….. (Emil winkt, …) der diesen mithilfe von ein wenig Holz und Pappe für uns darstellt. (Emil zeigt Verkleidung & Brett…. Theresia tritt Brett durch.

 

Redebeitrag vom AK MoB - Menschen mit und ohne Behinderung

Hallo und herzlich Willkommen auf der „behindert und verrückt feiern“ Pride Parade in Berlin! Wir freuen uns, dass ihr hier seid.

Vielleicht haben das einige von Euch mitbekommen: In der letzten Woche hat der Fernsehsender Phoenix groß verkündet, dass er die Tagesschau und das heute journal jetzt nicht mehr in die Gebärdensprache übersetzen lässt. Es wurde ja schließlich das Angebot an Untertiteln ausgeweitet. Und großspurig hat der Sender das als Ausbau der Barrierefreiheit präsentiert.

Für taube und gehörlose Menschen bedeutet das eine Verschlechterung: Wer Gebärdensprache spricht, kann nicht automatisch einer Untertitelung folgen. Die Gebärdensprache ist eine eigene Sprache, mit eigener Grammatik.
Carola
Erst nach Protesten von gehörlosen Menschen hat Phoenix jetzt eingelenkt und wird zunächst weiter in Gebärdensprache übersetzen.

In der letzten Woche war aber noch mehr los: Die BVG hat kurzerhand alle U-Bahn-Aufzüge abgeschaltet. Über Stunden war die U-Bahn damit unbenutzbar für Rollstuhlfahrer_innen. Keine Erklärung auf der Webseite. Beim Callcenter der BVG wusste man von nichts. Erst nach hartnäckigem Nachfragen war zu erfahren, dass der Aufzugnotruf defekt war.

Wir könnten noch viele solcher Geschichten erzählen und wenn ich mich hier so umsehe, bin ich mir sicher, dass könnten die meisten von euch auch.

Alle diese Geschichten haben eins gemein: Sie bedeuten Abwertung behinderter Menschen. Sie zeugen davon, dass es einfach nicht wichtig genug ist, die Bedürfnisse Behinderter – unsere Bedürfnisse – zu berücksichtigen. Oder sich mit uns zu beraten, wenn man selbst nicht Bescheid weiß.

Wir sind genervt, dass das so ist, und wir wollen nicht, dass es so bleibt. Und deswegen organisieren wir uns seit fast sechs Jahren im ak moB. Das ist eine Gruppe, in der behinderte und nichtbehinderte Leute zusammen daran arbeiten, dass sich etwas ändert.

Niemand bei uns hat Lust, linke Politik zu machen, die sich nicht darum kümmert, Barrieren abzubauen. Und die Behinderte und Nichtbehinderte nicht gleichermaßen anerkennt.

Nicht wir sind falsch, sondern die Zustände, in denen wir leben. Im Folgenden verlesen wir unsere Forderungen:

1. Nieder mit den Niederflurbussen!

2. Barrierefreiheit selber machen: Baut Rampen unkontrolliert.

3. Entscheidet für euch selbst und nicht für andere.

4. Feiert euch maßlos: Konfetti für alle!

5. Jeder nach seinen Fähigkeiten, jede nach ihren Bedürfnissen!

6. Barrikaden statt Barrieren!
Vielen Dank!

 

Redebeitrag Gen-ethisches Netzwerk e.V.

Hallo, allesamt – wie schön, dass wir hier zur pride parade zusammengekommen sind!
Der Umzug heute spricht uns aus der Seele: Seit vielen Jahren sind wir aktiv gegen
Gesundheitswahn, Normierung und Diskriminierung.

Nach wie vor sollen Menschen aussortiert werden, die in dieser Gesellschaft als weniger leistungsfähig, als krank, als behindert und, vor allem, als – prinzipiell und immer – leidend angesehen werden. Seit einem Jahr gibt es Tests, mit denen im Blut der Schwangeren die DNA des Embryo untersucht werden kann. Gesucht wird nach “Behinderungen”, “Defiziten”, “Mängeln” – zu dem einzigen Zweck, diejenigen auszusortieren, die diesen Qualitätscheck nicht bestehen. Kinder, die nicht der Norm entsprechen, sollen nicht geboren werden. Die Botschaft ist simpel: So jemand wie du hat ein Leben, das nur aus Leiden besteht. So jemanden wie dich können wir nicht brauchen. Und die Botschaft versteckt sich hinter einem Wort: Selbstbestimmung. Durch Tests in der Schwangerschaft sollen Frauen selber bestimmen können, wie ihr Leben mit einem Kind aussehen wird.
Was für ein Hohn!

Ein Hohn, weil die Tests keiner Frau eine Antwort darauf geben können, ob ein Leben mit Kind für sie gerade passt oder nicht. Das kann nur sie selbst beantworten und auch nur sie selbst bestimmen. Deshalb stehen wir (übrigens) auch nach wie vor zum Recht auf Abtreibung. Ein Hohn ist das Reden von der Selbstbestimmung auch, weil die Tests Frauen zu einer Entscheidung drängen, und zwar für oder gegen ein Kind mit Behinderung. Noch dazu wird ihnen der medizinische Blick auf ihr werdendes Kind aufgezwungen, der nur zwischen “gesund” und “krank” unterscheiden kann und der das eine als “gut”, das andere als “schlecht” bewertet. Was hat das mit Selbstbestimmung zu tun?
Selbstbestimmung ist wirklich das falsche Versteck für die Botschaft vom Lebenswert! Diese absurde und schreckliche Vision, dass Leid - vor dem wir alle Angst haben - abgeschafft werden kann, und zwar mitsamt den Menschen, denen es auf den Leib geschrieben wird! Diese Vision müssen wir mit allen Kräften bekämpfen! Schluss mit der Unterscheidung zwischen “lebenswert” und “nicht lebenswert”!

Wir wollen keine Qualitätschecks und Normen, nicht für leibhaftige Menschen und nicht für Ungeborene!
Kein Test schützt vor den Wechselfällen des Lebens – wie ein Kind und das Leben mit ihm sein wird, kann niemand vorher wissen. Das Leben ist unvorhersehbar und steht nicht in den Genen. Krankheit, Bedürftigkeit, Schmerz können uns alle immer treffen und gehören genauso dazu wie Wohlgefühl, Freude und Glück. Die Zukunft ist ungewiss! In diesem Sinne wünschen wir uns mit euch eine verrückte Zukunft! Eine Zukunft, in der unsere Visionen von einem anderen, schöneren und gerechteren Zusammenleben nicht mehr behindert werden!

 

Redebeitrag vom Bündnis zu Polizeigewalt am Neptunbrunnen

Wir sind heute hier um gemeinsam zu feiern und Spaß zu haben.
Und doch möchten wir an einen sehr erschreckenden Vorfall erinnern: Was ist passiert?

Ein Mann steht am Freitag, den 29.6. im Neptunbrunnen in Berlin Mitte mit einem Messer in der Hand und verletzt sich. Umstehende Passant_innen rufen Polizei und Rettungswagen. Polizist_innen bewegen sich auf den Mann zu, ein Polizist steigt in den Brunnen. Es fällt ein Schuss, der den 31jährige Manuel F. tödlich trifft. Er stirbt noch im Rettungswagen an einem Lungendurchschuss. Ein Video, dass die Tat aufzeigt, ist bei Facebook und Youtube zu finden. Dem folgen Auseinandersetzungen und Diskussionen im Internet und den Medien.

Schon am Tag nach der Tat erklärt die Staatsanwaltschaft, es spreche Einiges dafür, dass der Beamte in Notwehr gehandelt habe. Auch die Polizei – allen voran die Polizeigewerkschaft – rechtfertigen das Handeln des Polizisten mit Notwehr. Politiker von Innensenator Henkel bis zum Grünen-Bundestagsabgeordneten Wieland schließen sich an. Psychiater geben Interviews, in denen als Ursache vermutet wird, dass Manuel F. seine Psychopharmaka nicht eingenommen habe. Nur selten wird gefragt: Warum ist der Polizist in den Brunnen gestiegen? Warum ist er nicht zurück gewichen, als Manuel F. mit dem Messer auf ihn zukam? So hat der Polizist doch eigentlich erst die 'Notwehrsituation' hergestellt und ein bedrohliches Szenario geschaffen.

In der Presse taucht immer wieder die Diagnose Schizophrenie auf. Zum Beispiel stand in der Berliner Morgenpost:
„So hat der 31-Jährige offenbar an Schizophrenie gelitten. Möglicherweise ist diese psychische Erkrankung eine Erklärung dafür, warum der studierte Betriebswirt, der einen festen Job hatte, sich am Freitag öffentlich auszog und begann, sich selbst mit einem Messer zu verletzen.“ Die Berliner Zeitung schrieb sogar von „aggressiver Schizophrenie“.

Erklärt wird das 'verrückte' Verhalten von Manuel F. also mit seiner Diagnose. Es wird ein Bild von 'psychisch Kranken' als angsteinflößenden, gefährlichen, verwirrten und unzurechnungsfähigen Menschen gezeichnet. Nach der Persönlichkeit des Polizisten, der Manuel F. erschossen hat, nach seinen „aggressiven Persönlichkeitsanteilen“ oder „destruktiven Impulsen“, wird nicht gefragt. Die Gewalt der Einen gilt als „krank“, die Gewalt der Polizei aber als „normal“.

Schon 2011 hat die Berliner Polizei eine Frau in ihrer Wohnung erschossen. Andrea H. sollte zu einer psychiatrischen Begutachtung gebracht werden. Sie, die große Angst vor Einbrechern hatte, wurde in ihrer Wohnung von der Polizei massiv bedrängt und ging dann mit einem Messer auf die Beamten los. Obwohl selbst Polizeiforscher sagen, dass die Polizei komplett falsch gehandelt hat, wurden die juristischen Ermittlung nach vier Wochen eingestellt. Der Beamte von damals, der geschossen hat, ist wieder regulär im Dienst.

Offenbar können Polizist_innen also ungestraft Menschen erschießen, wenn diese als „geistig verwirrt“ bezeichnet werden und müssen keinerlei berufliche oder juristische Konsequenzen fürchten.

Wir als Pride Parade-Bündnis solidarisieren uns mit den Angehörigen, Freund_innen und fordern:
− eine unabhängige Untersuchung des Tathergangs.
− Die sofortige Entlassung aus dem Polizeidienst
− ein Ende der öffentlichen Hetze gegen „Schizophrene“ und so genannte „geistig Verwirrte“
− Schluss mit der Polizeigewalt gegen Psychiatrie-Betroffene!

 

Redebeitrag AK Psychiatriekritik

„Doktor dies schreibt das auf und Doktor Das bemüht sich murmelnd um Mitgefühl. Man beobachtet mich beurteilt mich (beschnüffelt mein Versagen das mir aus allen Poren dringt) und Verzweiflung zerrt an mir alles zerstörende Panik durchtränkt mich während ich stumm vor Entsetzen der Welt entgegenglotze und mich frage warum hier alle immerfort lächeln und mich begaffen mit diesem wissenden Blick für meine brennende Scham.“ (Sarah Kane, 4.48Psychose)

Du funktionierst nicht? –Du bist nicht immer glücklich, arbeitsam und hörst vielleicht manchmal Stimmen? Das geht natürlich in der kapitalistischen Verwertungslogik gar nicht. Wir werden dann schnell in Schubladen gesteckt und mit einem Diagnoseetikett versehen. Oh, Moment, das Etikett passt nicht? Keine Sorge: bald erscheint ein neuer Diagnosekatalog und beschert den Psychiater_innen und Psycholog_innen neue Kategorien. Sie können aufatmen - das Abstempeln und Einsortieren kann weiter gehen!
Der neue DSM-V (der Diagnosekatalog der Amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie) ist diesen Mai erscheinen. Die Diskussion innerhalb der Ärzt_innenschaft führt deren Glaube an feststehende natürliche „Krankheiten“ bzw. “Störungen“ ad absurdum: Im DSM-V können Diagnosen sehr viel schneller vergeben werden als vorher. Z.b. wird Mensch nun schon mit einer Diagnose belegt, wenn die Trauerphase um eine nahestehende Person länger als zwei Wochen dauert. Diagnosen transportieren also gesellschaftliche Normen, z.b. auch die binäre Geschlechterlogik. Im neuen DSM-V werden trans*- Personen immer noch als „gestört“ etikettiert. Das absurde daran: Mensch braucht die Diagnose um bspw. Hormone zu bekommen und ist somit von der Diagnose abhängig. Das ist scheiße!
Und wusstet ihr, dass Homosexualität bis 1992 im Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation, der in Deutschland verpflichtend für die Abrechnung mit Krankenkassen ist, als psychische Störung galt?!
Wir sehen: Diagnosen sind gemacht. Da sind keine aufzudeckenden, leicht einkreisbaren Krankheiten dahinter. Keine Bakterien unterm Mikroskop erkennbar. Hier wird festgelegt, was als verrückt gilt und somit als „krank“. Ausgegangen wird bei dieser Festlegung von einer bestimmten Norm: Der Norm des „weißen“ heterosexuellen mittelschichts cis-Mannes. Wenn Personen dieser Setzung nicht entsprechen, werden sie als das Andere gesetzt, das Abweichende, das zu Behandelnde. Festgelegt wird dies nicht von denen, die es betrifft. Festgelegt wird dies von denen, die in unserer Gesellschaft die institutionalisierte Macht dazu haben - Psychiater_innen und Psycholog_innen. Gerade in der Forschung mischt zudem auch eine mächtige Pharmalobby mit.

Um in unserer Gesellschaft ein Nichtfunktionieren in Arbeitszusammenhängen zu rechtfertigen, braucht Mensch eine Diagnose. Das finden wir scheiße!
Das psychiatrische System verschleiert die Gesellschaftlichkeit unserer Geschichten. Unsere Krisen sind Ausdruck unserer Lebenserfahrungen in einem System, indem wir oft gewaltvolle Erfahrungen machen. Einem System, indem es gilt, sich einzufügen, unterzuordnen, mitzumachen. Einem System, in dem Rassismus und Sexismus Alltag sind.
Unsere Krisen werden durch die Psychiatrie individualisiert - nach dem Motto: dein Körper produziert deine Verrücktheit - dein Körper muss behandelt werden. Auch die bunten Bilder der Neurowissenschaften zeigen lediglich bestimmte Gehirnaktivitäten. Die Neuropsychologie soll rechtfertigen, dass weiter unsere Körper behandelt werden, anstatt die uns umgebenden Strukturen sichtbar zu machen. Behandelt wird in der Psychiatrie fast ausschließlich mit Medikamenten. Diese Psychopharmaka betäuben, bringen häufig nichts und haben belastende Nebenwirkungen. Im schlimmsten Fall werden Menschen unter Zwang behandelt: Einweisung in die Klinik, Fixierung und Depotspritze. Diese Gewalt steht auch im gemeindepsychiatrischen System immer im Hintergrund. – Wenn Mensch im Betreuten Wohnen nicht brav die Pillen nimmt, oder in der Reha-Werkstatt nicht ordentlich mitarbeitet, vielleicht sogar „ausflippt“, droht die stationäre Psychiatrie. Im letzten Jahrzehnt haben Zwangseinweisungen um mindestens 50% zugenommen. Auch im scheinbar freien Setting ambulanter Therapien wird klar zwischen „Professionalität“ und Betroffensein getrennt. Außerdem wird auch hier häufig versucht, Menschen zu normieren. Wer z.B. außerhalb einer monogamen heterosexuellen Zweierbeziehung lebt, muss sich oft rechtfertigen und wird nicht selten als beziehungsunfähig bezeichnet.

Hat dir deine Therapeutin schon mal von ihrer eigenen Betroffenheit erzählt?- Nein?
Kommt ja auch karrieretechnisch gar nicht gut. -Sich zu seiner eigenen Krisenerfahrung, eigenen Diagnosen und oft gewaltvollen Erfahrungen in der Psychiatrie zu bekennen, ist in unserer Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit. Stigmatisierungen sind alltäglich! Und das ist scheiße!
Stigmatisierungen sind unterschiedlich. Es gibt gesellschaftlich „anerkanntere“ Diagnosen und solche, bei denen der Ausschluss quasi mitgeliefert wird: ca. 1/3 der Bevölkerung halten laut Umfragen Personen mit der Diagnose Schizophrenie für gefährlich! Was folgt ist Diskriminierung und Ausgrenzung.

Und in der Linken? -Schreiben wir bei der WG-Suche: „Weine manchmal laut in meinem Zimmer“ oder „An manchen Tagen möchte ich nicht angesprochen werden“? -Nein, eher nicht, oder? Wir schreiben: „Komme gerade von einem Auslandsaufenthalt wieder, bin in verschiedenen linken Zusammenhängen aktiv und koche gerne, am liebsten genug für alle!“
Wir als AK Psychiatriekritik sind eine Gruppe von betroffenen und nichtbetroffenen Personen. Auch in linken Zusammenhängen, in denen wir uns bewegen, wünschen wir uns mehr Sensibilität für Krisen. Auch dort wollen wir mehr Offenheit für nicht-normatives Verhalten: Wir wünschen uns mehr Reflektieren über das eigene Funktionieren und Rennen im Hamsterrad.
Wir wollen gefragt werden, was wir brauchen, wenn wir in einer Krise stecken -und nicht erst dann!
Wir sind für ein Hinterfragen von Krankheitskonzepten und gegen die Diskriminierung von Psychiatriebetroffenen!
Wir sind gegen paternalistisches „Behandelt-Werden“!
Wir wollen keine Fälle oder Patient_innen sein - Verrücktheit hat eine Existenzberechtigung!
Wir fordern eine bedürfnisorientierte, selbstorganisierte Unterstützung, bei der Wir entscheiden!
Unterstützung, bei der nicht wir als „krank/gestört“ gelabelt werden, sondern gewaltvolle Strukturen, denen wir ausgesetzt sind, sichtbar werden!

In unseren Krisen und Verrücktheiten sind wir Alle oft sehr unterschiedlich. Manchmal sind unsere Krisen sehr schmerzhaft. Viele können – oder wollen – daher auch heute nicht hier sein, etwa weil es ihnen schlecht geht, weil sie weggeschlossen sind oder weil wir sie in der gemeindepsychiatrischen Parallelgesellschaft mit unserem Aufruf nicht erreicht haben. Wenn wir heute hier sind, um gemeinsam zu feiern, heißt das nicht, dass wir diese Differenzen überdecken wollen. Es geht nicht um Relativierung schmerzhafter Erfahrungen, sondern darum, trotzig Präsenz zu zeigen und uns nicht zu verstecken mit unseren Erfahrungen. Wir dürfen so sein, wie wir sind und wir erobern uns die Straße!

Für die Abschaffung der Psychiatrie und für die Revolution!

 

Redebeitrag Berliner Bündnis "Stop Trans*-Pathologisierung"

Seit Jahrzehnten wird Personen, die zur Anerkennung ihrer Geschlechtsidentität eine Personenstandsänderung oder eine chirurgische Veränderung ihrer Körper bzw. andere medizinische Maßnahmen benötigen, abverlangt, sich als „psychisch krank“ diagnostizieren zu lassen. Die Psychiater_innen weisen ihnen die Diagnose „Geschlechtidentitätsstörung“ zu. Was zunächst nur als Markierung einer psychischen Störung im Raum steht, wird allerdings von Personen im Arbeits- und sozialen Umfeld so verstanden, als wenn die Person dauernd krank und zur "normalen" Interaktion unfähig ist. Deshalb gelten Trans*-Personen dann zum Beispiel bei Behörden als seelisch gestört oder behindert. Wegen dumpfer Vorurteile fallen Trans*-Personen weltweit Hassverbrechen zum Opfer. Derartige transphobe Vorurteile, Zuschreibungen und Unterstellungen haben auch für Menschen, die hier leben, eklatante Folgen: Kündigungen durch Arbeitgeber und Vermieter, Angriffe, Übergriffe und Überfälle im öffentlichen Raum, Verweigerung der Arbeitsvermittlung, Einladung zu psychologischen Gutachten bei Arbeitsagentur und Jobcenter, Ausschließung aus dem Erwerbsarbeitsprozess als erwerbsunfähig sind einige Folgen.

Wir vom Berliner Bündnis "Stop Trans*-Pathologisierung" fordern als Teil einer internationalen Kampagne von mehr als 360 Gruppen weltweit seit 2009 die Streichung der pathologisierenden Psycho-Diagnose „Geschlechtsidentitätsstörung“ aus den internationalen Krankheitskatalogen DSM und ICD. Die Kataloge werden seit Jahren ohne öffentliche Beteiligungsmöglichkeiten überarbeitet.
Unter dem Begriff „Genderdysphorie“ wird die Pathologisierung in dem im Mai diesen Jahres von der amerikanischen Psychiater-Vereinigung beschlossenen DSM-5 weitergeführt. Mit diesem neuen, alten Begriff wird die Pathologisierung auf nicht hetero-normative Gender-Ausdrucksweisen mit Kategorien wie ‘Transvestitische Störung’ und Konzepte von ‘Autoandrophilia’/ ‘Autogynephilia’ erweitert.

Die internationale Kampagne fordert die Streichung von trans*-bezogenen Kategorien aus dem 5. Kapitel des ICD der Weltgesundheitsorganisation. Anlässlich seiner Überarbeitung schlugen im Jahr 2012 vor, eine nicht pathologisierende Nennung von trans*-spezifischer Gesundheitsversorgung dort einzuführen - als einen weder als Erkrankung noch als Störung definierten und öffentlich finanzierten Gesundheitsprozess.
Denn der Gesetzgeber in Argentinien hat gezeigt, dass es möglich ist, eine nicht pathologisierende Gesundheitsversorgung für Trans*-Personen zu erreichen. Das hat uns Mut gemacht. Denn es hat bewiesen, daß eine Trans*-Entpathologisierung - auch an den verknöcherten Festungen der Psychiater_innenorganisationen vorbei - machbar ist. Mit dem argentinischen Gender-Identitäts-Gesetz hat die Entpathologisierung von Trans* den Bereich der Utopie verlassen.
Die internationale Kampagne "Stop Trans*-Pathologisierung setzt nun ihre Hoffnungen über das Jahr 2012 hinaus auf die Diskussionen zu einem neuen ICD der WHO, der im Mai nächsten Jahres beschlossen werden soll. Unsere Forderung nach Streichung von trans*-spezifischen Kategorien aus dem 5. Kapitel des ICD und der Vorschlag , eine nicht-pathologisierende Kategorie einzuführen, wurde auch durch einige andere LGBTIQ-Netzwerke und vom Europäischen Parlament unterstützt. Selbst einige Mitglieder der Arbeitsgruppe der WHO, die die trans*-spezifischen Kategorien im ICD überarbeiten, haben im letzten Dezember ihren Willen erklärt, das psychopathologische Modell aufzugeben und sich an qualitativ hochwertigen Gesundheitsdienstleistungen, die den Menschenrechten und den Bedürfnissen von Trans*-Personen entsprechen, zu orientieren. Allerdings haben sie bisher keine genauen Vorschläge veröffentlicht und sie benutzen weiterhin altbekannte pathologisierende Begriffe wie „Gender-Inkongruenz“.
Wir mahnen an, die internationale Kampagne "Stop Trans*-Pathologisierung 2012" weiterzuführen, ihre Inhalte und Forderungen zu verbreitern.
Wir fordern die vollständige Streichung der Kategorien ‘Gender Dysphoria’ und ‘Transvestic Disorders’ aus dem DSM-5 und im ICD. Im Moment sind unsere Forderungen an die WHO :
• Die völlige Streichung der Kategorien F64, F65.1 und F66 aus dem 5. Kapitel des ICD.
• Die Einführung einer nicht-pathologisierenden Nennung von trans*- Gesundheitsversorgung, als ein Gesundheitsprozess, der nicht auf Erkrankung oder Störung beruht, aber aus öffentlichen Mitteln finanziert wird.
• Die sofortige Veröffentlichung des Vorschlags der WHO-Arbeitsgruppe für „Classification of Sexual Disorders and Sexual Health“ (WGSDSH), um einen Diskussionsprozess in der Trans*-Bewegung zu ermöglichen.
• Die kontinuierliche Beteiligung der trans*-Bewegung, Transparenz & genaue Informationen im Überarbeitungsprozess des ICD.
Der nächste Internationale Aktionstag für Trans Entpathologisierung findet am Samstag, den 19. Oktober 2013 statt.

 

Redebeitrag Anne Allex

Liebe MAD & DISABILITY PRIDE PARADE-Teilnehmer_innen,
im Jahr 2012 gab es die höchste Erwerbslosigkeit von Menschen mit Behinderungen, die es je in der Bundesrepublik gab. Private Unternehmen und öffentliche Einrichtungen zahlen lieber die Ausgleichsabgabe statt Menschen mit Behinderungen einzustellen. Viele müssen nathlos nach dem Diplom oder dem Abschluss der Dissertation Arbeitslosengeld II beantragen.
Doch dabei soll es aber nach Auffassung aller Parteien nicht bleiben. Die meinen, dass Menschen mit Behinderungen „Minderleister_innen“ sind, aber ihr Restarbeitsvermögen doch durchaus irgendwie abgeschöpft werden soll. Die CDU/ CSU-FDP wollen, Menschen mit Behinderungen mit Hartz-IV in Werkstätten für Behinderte zum Arbeiten schicken. Die Sozialdemokraten wollen einen sozial-integrativen Sonderarbeitsmarkt auf 1-Euro-Tarifniveau nur für Menschen mit Behinderungen einrichten. Die Grünen planen dauerhafte Vollbezuschussung von Beschäftigung für einen Sonderarbeitsplätze mit unzureichender Entlohnung für viele Jahre, derzeit mit dem § 16e SGB II über Aktivierungsmaßnahmen, Profilings und Stellen zur Förderung der Arbeitsaufnahme (FAV). In allen drei Vorschlägen ist die Existenz ungesichert und es steht die Frage, wie sich Menschen mit Behinderungen bei unablässig steigenden Mietpreisen in ihren Wohnungen halten sollen.
Die Bundesagentur für Arbeit hat mit speziellen Sondierungsmaßnahmen für Menschen mit Behinderungen begonnen, um alle Daten über die Einzelpersonen ermitteln und sie um jeden Preis irgendwo in Arbeit zu stecken. Auch wenn Du als hochqualifizierter Sozialwissenschaftler schon 10 Jahre im Bundestag als wissenschaftlicher Fraktionsreferent gearbeitet hast, kennt der Maßnahmeträger keine Scheu, für Dich eine Nachtwächterstelle bei einem privaten Unternehmen zu suchen und Dich vorher dafür unter Druck zu setzen und weich zu klopfen.
Die LINKE will die Zugangsbeschränkungen zu den Werkstätten für Behinderte abschaffen und gleichzeitig den arbeitnehmerähnlichen Status des SGB IX. Aber wohl gemeint, ist nicht gut. Beides würde u. a. bewirken, dass der Schutz bei Erwerbsminderung bzw. Erwerbsunfähigkeit - nämlich die Möglichkeit zu Frühverrentungen, befristeten Erwerbsminderungsrenten bzw. Erwerbsunfähigkeitsrenten wegfällt: Dieser Schutz ist in der Definition der Erwerbsfähigkeit in § 8 SGB II formuliert, da nur der_diejenige als erwerbsfähig gilt, wenn er_sie mehr als 3 Stunden täglich erwerbsarbeiten kann. Fällt diese Grenze, muss dieser Personenkreis trotz Krankheiten und Behinderungen einerseits und obwohl sie andererseits spezielle Qualifikationen und Berufserfahrungen haben in Werkstätten arbeiten.
Auch der arbeitnehmerähnlicher Status im SGB IX ist deshalb auch nicht nur als Diskriminierung, sondern auch als Schutz zu verstehen. Selbst bei Wegfall dieses Status bliebe der Bezug von Grundsicherung nach dem Sozialgesetzbuch XII dann zwingend, wenn Menschen nur unter 3 Stunden arbeiten könnten. Aber die Einkünfte dieser Personen würden noch härter als in Hartz IV angerechnet und es nur ein Gesamtschonvermögen von 1600 Euro zulässig. Und – ist jemand dort erst einmal drin, dann kommt er nicht mehr heraus. Das können wir nicht wollen oder?
Alle Parteienforderungen helfen dabei, den Berufsschutz, den Schutz der erworbenen Qualifikation und Berufserfahrung zu ignorieren und Menschen mit Behinderungen auf ihre Einschränkung zu reduzieren.
Gleichzeitig verschlechtern sich auf Grund der Einsparung öffentlicher Mittel zur Schuldentilgung von Staat und Banken die Nachteilsausgleichsmöglichkeiten über die Integrationsämter. Das alles vermindert die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen.
Schauen wir uns in Europa um, sehen wir, dass in Großbritannien Nachteilsausgleiche für Menschen mit Behinderung auf die Sozialeinkommen der Familie angerechnet, viele eine bettroom tax zahlen müssen und ab 2013 ein Drittel der Menschen mit Behinderungen wegen Anrechnungsveränderungen überhaupt keine Leistungen mehr erhält. In den Niederlanden und in der Schweiz ist das Invalidenrecht mit dem Erwerbslosenleistungssystem zusammengelegt worden. Erwerbslose gelten nun als sozial Behinderte und Menschen mit Behinderungen wurden die Leistungen gekürzt. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich in Österreich. Begründet wird dies mit den Zwängen der Austeritätspolitik. Der Sachzwang hilft Staat und Konzernen sämtliche soziale Leistungen abzubauen.Und dass Menschen mit Behinderungen oftmals am Schutzlosesten sind, zeigt sich an den Zwangsräumung von Rosemarie Fliess in Berlin und der 62-jährigen Frau K. aus Essen sowie an der Räumungsabsicht bei Frau Nurye Cengiz.
Solche Entwicklungen dürfen wir nicht klaglos hinnehmen, sondern müssen uns in der Öffentlichkeit dagegen wenden. Um die Situation sozialpolitisch näher zu erörtern, lade ich Euch zum Forum Sozialpolitik 2013 vom 20.-22.09.2013 der AG SPAK in Berlin recht herzlich ein.